Donnerstag, 25. August 2016

"Alt-Wiener" Kindergärten

Im Zuge der Diskussionen rund um die drohende Schließung der "Alt Wien"-Kindergärten sind die Neos Wien der Meinung, dass sich die Stadt zu wenig um Ersatzplätze für die betroffenen Familien kümmert. "Der Druck steigt für die Betroffenen der Alt-Wien-Affäre, dass sie noch rechtzeitig einen neuen Platz für die Kinder zu finden. Gleichzeitig werden alle Vermittlungsversuche mit dem Betreiber der Kindergärten abgeblockt und jetzt meint Bürgermeister Michael Häupl, dass es keine weiteren Verhandlungen geben soll. Das ist eine enorme Enttäuschung für alle Kinder und Eltern die noch auf eine konstruktive Lösung gehofft haben", ärgert sich Klubobfrau Beate Meinl-Reisinger. Bürgermeister Häupl ist zwar physisch wieder aus dem Urlaub zurück, ein Machtwort im Sinn der Wienerinnen und Wiener seinen „Good Weibs“ gegenüber spricht er aber nicht. Während es für die Betreuung der Kinder der Alt-Wien Kindergärten immer noch keine Lösung gibt, schwenkt Häupl offenbar vollkommen unreflektiert auf die Frauenberger-Linie und betont, dass es keine weiteren Verhandlungen geben soll. Auf dem gleichen Standpunkt steht er trotz des drohenden Ärztestreiks, den allein SPÖ-Gesundheitsstadträtin Wehsely zu verantworten hat, die es in den vergangenen Jahren verabsäumte, für ausreichendes Personal zu sorgen.
Von diesen 1.200 Kindern haben 470 einen Platz in einem städtischen Kindergarten erhalten, der Rest in einem privaten. Laut Gernot Barton, Leiter der Platzvergabe, kamen 200 Sprösslinge bei den Kinderfreunden, jeweils 70 bis 80 bei "Kinder in Wien", der St. Nikolausstiftung und der Kindercompany sowie rund 35 in Einrichtungen der Diakonie unter. Der Rest verteilt sich auf kleine, private Anbieter. "Es geht nicht darum, dass die Stadt als Sündenbock dargestellt wird, wie der Bürgermeister meint. Strenge Kontrollen sind wichtig, aber jetzt stur jede Verhandlung auszuschließen, ist nicht im Interesse der vielen Eltern die sich um eine Lösung mit Erhalt der Plätze bemüht haben. So vernichtet man das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Politik", betont Meinl-Reisinger.
Statt sich seiner Verantwortung den Wienerinnen und Wienern gegenüber zu stellen, ist er offenbar nur mehr der bröckelnde Kitt, der die Wiener SPÖ noch halbwegs zusammenhält. Eine andere Erklärung kann es für sein Nicht- Handeln kaum geben. Häupl hat viel zu lange dem dilettantischen Treiben seiner Genossinnen zugesehen.
Für die Kritik an seiner Stadträtin Sandra Frauenberger in der Causa "Alt-Wien"-Kindergärten hat er kein Verständnis. "Ich kann nichts dafür, dass Subventionen zweckwidrig verwendet wurden. Und ich werde nicht zulassen, dass diejenigen, die geschädigt wurden, jetzt zum Sündenbock gestempelt werden." "Wir sprechen hier von kleinen Kindern die aus dem gewohnten Kindergarten-Verband gerissen werden und teilweise erheblich längere Anfahrten auf sich nehmen müssen, das ist nicht die beste Lösung."


Samstag, 20. August 2016

Es ist wieder einmal soweit - die Abzocke geht weiter

Es ist wieder einmal so weit: Die Stadt Wien erhöht ab 2017 die Gebühren. Das betrifft die Bereiche Wasser, Kanal, Müllabfuhr, Gebrauchsabgaben und das Parken. Wobei die Erhöhung beim Parken mit 6,2 Prozent am höchsten ausfällt - eine halbe Stunde Parken wird demnach künftig nicht mehr 1 Euro kosten, sondern 1 Euro und 5 Cent. Die monatlichen Ausgaben für Müllabfuhr, Kanal und Wasser werden um durchschnittlich 1,46 Euro pro Monat steigen, hieß es am Freitag aus dem Büro von Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner.

Freilich nimmt man dort nicht gerne das Wort "Erhöhung" in den Mund - schließlich geht es um eine gesetzlich festgeschriebene Inflationsanpassung, das sogenannte Valorisierungsgesetz: Gebühren steigen demnach dann, wenn der jeweils gesetzlich definierte Schwellenwert - in Wien liegt er bei 3 Prozent - überschritten wird. Und das sei eben dieses Mal der Fall gewesen, hieß es. Was allerdings Bürgermeister Michael Häupl im Februar 2014 nicht davon abhalten konnte, Gebührenerhöhungen für die Jahre 2015 und 2016 vorübergehend auszusetzen - "als einfache Maßnahme, um die Kaufkraft zu stärken", wie er damals betonte.
Jedenfalls versichert man im Stadtratsbüro, dass es sich bei der nun anstehenden Erhöhung um keine Willkür handle. "Uns geht es vor allem darum, das alles in kleinen Schritten zu machen", erklärte ein Sprecher. "Nicht so, wie das früher der Fall war, wo jahrelang nicht erhöht wurde und dann waren plötzlich alle schockiert." Tatsächlich gab es 2011 im Stadtparlament vonseiten der Opposition einen Misstrauensantrag gegen Brauner, weil sie die Anpassung von Gebühren angekündigt hatte. "Man stellt uns immer so hin, als ob wir in Österreich die Einzigen wären, die Gebühren erhöhen - Graz etwa macht das jedes Jahr automatisch", betonte der Sprecher.
Relativierung durch Vergleiche
Dieses Mal versucht man vonseiten der Stadt, die anstehenden Erhöhungen durch Städtevergleiche zu relativieren. Demnach liege Wien bei den jährlichen Wassergebühren mit rund 265 Euro im Vergleich zu den Städten Deutschlands an vorletzter Stelle - nur Frankfurt am Main sei mit 249 Euro günstiger. Am teuersten ist die Stadt Essen mit 488 Euro im Jahr.

Im Vergleich zu Österreichs Landeshauptstädten belegt Wien Platz drei und ist daher nur billiger als Graz (337 Euro) und Klagenfurt (276 Euro). Am billigsten kommt das Wasser in St. Pölten und Bregenz. Und in Sachen Müllabfuhr sei Wien unangefochten die Nummer eins: Mit 86 Euro pro Jahr sind die Gebühren nicht einmal halb so hoch wie etwa in Klagenfurt, wird betont.
Für Opposition "Abzocke"
Was allerdings die Opposition - wie bei jeder Gebührenerhöhung - nicht daran hindert, einmal mehr von "rot-grüner Abzocke" zu sprechen: Für FPÖ-Vizebürgermeister Johann Gudenus ist etwa die Ankündigung der Stadtregierung ein "unfassbarer Affront". "Jetzt sollen also schon wieder Familien und Autofahrer die Unfähigkeit der Stadtregierung, mit Geld umzugehen, ausbaden", meinte er. Als "unsoziale rot-grüne Abzocke" bezeichnete ÖVP-Landesparteiobmann Gernot Blümel die Erhöhung - schließlich hätte Rot-Grün von 2011 bis 2015 insgesamt 658 Millionen Euro an Überschüssen erwirtschaftet.
Laut den Neos "kracht" das Budget der Stadt an allen Ecken und Enden, "und wieder einmal müssen die Gebührenzahler herhalten". Und bei der Wirtschaftskammer erklärt man, dass die Gebührenerhöhung den Konjunkturaufschwung "abwürgt". "Damit sorgt die Stadt dafür, dass die positive Stimmung kippt und der Standort für neue Unternehmen uninteressant wird", so Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck am Freitag.
Erhöhungen im Detail
Die Parkometerabgabe wird pro halbe Stunde Abstellzeit von 1 Euro auf 1,05 Euro erhöht. Die Stunde kostet daher ab 2017 nicht mehr 2, sondern 2,10 Euro. Alte Parkscheine können bis Ende Juni 2017 zurückgegeben werden. (Die letzte Anpassung war 2012 vorgenommen worden - der Schwellenwert für den Indexstand beträgt bei den Parkscheinen im Gegensatz zu den anderen Gebühren nicht 3, sondern 5 Prozent Steigerung, Anm. der Redaktion.)
Bei der Müllabfuhr gibt es eine Anhebung um 15 Cent: Der Grundbetrag für die Entleerung eines Behälters kostet daher künftig 4,56 statt 4,41 Euro. Die Abwassergebühr steigt von 1,97 auf 2,04 Euro pro Kubikmeter, die "Wasserbezugsgebühr" von 1,80 auf 1,86 Euro pro Kubikmeter. Auch bei den Wasserzählergebühren wurde eine Erhöhung angekündigt.
In Sachen Gebrauchsabgaben ist künftig auch für die Nutzung öffentlicher Flächen mehr zu bezahlen. Dies betrifft rund 20 Tarifposten für die Nutzung öffentlicher Flächen auf Gemeindegrund für Ladenvorbauten, Verkaufsstände, Warenausräumungen, Sammelcontainer usw.
Kostendeckend, so wird beteuert, seien aber keineswegs alle Entgelte. Der Deckungsgrad habe etwa 2015 nur rund 55 Prozent betragen, 638 Millionen Euro habe man den verrechneten Gebühren zugeschossen.
Vorsichtig optimistisch zeigten sich die Wiener Betriebe noch in der konjunkturellen Frühjahrsumfrage der Wirtschaftskammer Wien. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen am Standort Wien blickten die Unternehmer positiver als zuletzt in die Zukunft. Das könnte sich schnell wieder ändern. Denn die Stadt Wien hat für Jänner 2017 Gebührenerhöhungen für zahlreiche kommunale Leistungen angekündigt. Die Inflation betrug im letzten Jahr 0,9 Prozent, die Gebühren für Wasser, Parken und Müllentsorgung steigen jedoch gleich um 3,3 bis 5 Prozent.

Sonntag, 17. Juli 2016

Wie verteilen sich die Einkommen in Österreich?

Wie verteilen sich die Einkommen in Österreich? Ist der eigene Verdienst im Vergleich zu anderen vielleicht doch besser als gedacht? Wie viel verdient das einkommenstärkste Prozent der Arbeitnehmer? Was unsere Politiker verdienen haben wir gesehen. Reicht unser Verdienst aus um ein sorgenfreies Leben zu gewährleisten? Wir hören doch immer wieder diese Sätze: "Die Einkommen steigen nicht oder zu wenig." "Vom Lohn selbst bleibt wegen der Steuern nichts übrig." "Alle anderen verdienen sowieso besser." Stimmen diese Aussagen? Die Statistik sagt viel aus, aber nicht alles. Was fehlt ist ein Aufschluss über den Lebensstandard. Jemand, dessen Einkommen im unteren Fünftel angesiedelt ist, kann einen ebenso hohen Lebensstandard haben wie jemand, der zu den einkommensstärksten 20 Prozent zählt. Mit wie vielen Personen jemand zusammenwohnt, die vielleicht ein besseres Einkommen haben oder von ihm/ihr mitversorgt werden, ist nicht ersichtlich. Das Vermögen aus Erbschaften sowie Einkünfte aus Kapitaleinkommen sind ebenfalls nicht enthalten. Das Individualeinkommen verrät nicht alles über die Lebenssituation. Wie sieht die Situation bei den Frauen aus? Fast jede zweite Frau (48 Prozent) arbeitet Teilzeit, aber nur jeder zehnte Mann. Diese Tendenz hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Es gibt einen Teilzeitboom, der von der Arbeitslosigkeit noch verstärkt wird, denn nicht jeder möchte zum AMS laufen, er/sie sucht sich eine Teilzeitarbeit. Das hat gravierende Auswirkungen auf das Einkommen. Nur elf Prozent der weiblichen Teilzeitbeschäftigten würden gerne mehr arbeiten, meint Eurostat. Positiv gedacht könnte das bedeuten: Manche müssen nicht mehr arbeiten, weil sie mit weniger Einkommen ein Auskommen finden. Oder viele Frauen nehmen eine neue Arbeit auf und werden wieder erwerbstätig. Negativ gedacht könnte es auch heißen, dass viele nicht mehr arbeiten wollen, weil sie nicht können. Ihre Lebenssituation lässt es nicht zu, weil etwa Betreuungsplätze für Kinder fehlen oder weil es keine Arbeit gibt um in ein unbefristetetes Dienstverhältnis wechseln zu können. Da schau her, wer hätte das gedacht? Gerade bei Frauen ist das ein Manko. Frauen arbeiten meist im Niedriglohnsektor, also als Friseurin, Verkäuferin, Putzfrau,… Männer sind meist technisch tätig und da werden sie auch besser entlohnt. Frauen werden am Arbeitsmarkt aber auch diskriminiert. Verhinderte Beförderungen, weil der Chef eine künftige Schwangerschaft nicht ausschließt; weniger Flexibilität im Job und deshalb schlechtere Aufstiegschancen, weil sich Frauen mehr der Kindererziehung annehmen als Männer. Das Einkommen steigt mit dem Alter – für Frauen allerdings in einem geringeren Maß als für Männer. Weil Frauen zudem früher die Pension antreten – Männer gehen mit 62,2 Jahren in den Ruhestand, Frauen mit 60,2 Jahren (OECD, 2014) –, fallen sie um ihre besten Einkommensjahre um. Das begünstigt eine Ungleichheit in den oberen Einkommensgruppen gegenüber den Männern. Je höher der Bildungsabschluss, desto stärker steigt die Lohnkurve an. Keine Variable beeinflusst die potenziellen Erwerbsmöglichkeiten so stark. Wer mit Pflichtschulabschluss ein Bruttomonatseinkommen von mehr als 2.665 Euro hat, zählt zu den einkommensstärksten 20 Prozent. Für Vollzeitbeschäftigte mit Matura liegt diese Grenze bei 4.990 Euro, bei Uni-Absolventen bei 6.868 Euro. Arbeiter haben eine vergleichsweise flache Erwerbskurve. Die einkommensstärksten zehn Prozent der Arbeiter (Vollzeit) verdienen mehr als 3.165 Euro brutto pro Monat. Bei Angestellten liegt diese Grenze bei 5.597 Euro, bei öffentlich Bediensteten bei 5.190 Euro. Ein Medientechniker, Akademiker verdient mit 2700 Euro brutto, da befindet er sich bei den unteren 20%.
Die einkommensstärksten 20 Prozent verdienen in Serbien das 9,8-Fache der einkommensschwächsten 20 Prozent – gemessen an der Einkommenssumme. In Österreich gilt der Faktor 4,1, in Island sind die Individualeinkommen mit einem Faktor von 3,1 am ausgeglichensten verteilt. Was noch nicht beachtet wurde, sind die Arbeitsmarktdaten. Gesamtübersicht über die Arbeitslosigkeit Datum: 06/2016 Region: Österreich: Frauen: gesamt 144.059; Männer: gesamt 175.910; Gesamt: 319.969. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei 9,2 Prozent. Das ist nicht wenig. In den vergangenen Monaten ist sie weiter nach oben geklettert. So hoch war sie in der Geschichte der Zweiten Republik noch nie. Inklusive Schulungsteilnehmern hatten nach AMS-Definition 420.000 Menschen keinen Job. Die Zahl der vorgemerkten Arbeitslosen legte um 11,1 Prozent auf 292.321 (2014) zu, bei den AMS-Schulungsteilnehmern fiel der Anstieg mit 5,5 Prozent geringer aus. Nach einem schwachen zweiten Quartal senkte die Nationalbank 2014 ihre Prognose für das laufende Jahr um 0,7 Prozentpunkte auf nunmehr 0,9 Prozent. Es sei davon auszugehen, dass auch die Forschungsinstitute in ihren Quartalsprognosen im September die Aussichten nach unten revidieren werden. 2015 waren EU-weit mehr als zehn Millionen Menschen auf Arbeitssuche, knapp die Hälfte davon seit über einem Jahr. Ihr Anteil an der Erwerbsbevölkerung, die sogenannte Langzeitarbeitslosenquote, betrug 4,3 Prozent und lag damit fast doppelt so hoch wie vor Ausbruch der Krise 2008. 

Mittwoch, 13. Juli 2016

Gemeindebau als Endlosbaustelle ­ Mieter erzürnt

Leute! Zahlt einfach weniger Zins. Bis 30% können einbehalten werden. Das versteht Wiener Wohnen. 


Seit zwei Jahren ist ein Gemeindebau im 2. Wiener Bezirk für Sanierungsarbeiten eingerüstet. Doch seit Monaten war kein Bauarbeiter mehr vor Ort. Nachts klettern oft fremde Männer auf dem Gerüst herum. Die Mieter halten die Baustelle kaum noch aus ­ doch das werden sie wohl noch längere Zeit müssen: "Wegen eines Missverständnisses", so Wiener Wohnen. Eine der Leidtragenden ist Doris K. Ihr Blick aus dem Fenster wird seit vielen Monaten von dem Baugerüst "verschandelt". Und nicht nur das: Auch musste die Polizei bei Nacht immer wieder zum Gemeindebau ausrücken, weil sich fremde Männer auf dem Gerüst aufhielten. "Ich schlafe mit Pfefferspray und Taschenlampe", klagt eine ältere Bewohnerin des Hauses. "Natürlich muss saniert werden, aber wann geht das zu Ende?" Seit mittlerweile zwei Jahren ist der Gemeindebau schon eingerüstet. Wiener Wohnen versucht sich zu rechtfertigen: "Wegen eines Missverständnisses zwischen dem beauftragten Baumanager und der Fensterfirma wurden falsche Fenster eingebaut. Wir mussten einen Gutachter zur Klärung einschalten, es folgte eine monatelange Pause", sagt ein Sprecher. Statt bis 2015 soll die Sanierung nun bis Ende 2016 dauern. "Den Mietern werden keine Zusatzkosten entstehen." Für die Bewohner ist das allerdings nur ein schwacher Trost.  

Montag, 11. Juli 2016

Das sind die fünf wichtigsten Fragen rund um das Bauprojekt am Heumarkt


Nachdenkpausen, Adaptierungen und endlose Diskussionen: Am Heumarkt scheiden sich die Geister.
LANDSTRASSE. Macht sich die Stadt Wien lächerlich? Diese und mehr Fragen tauchten in den letzten Monaten rund um das geplante Bauprojekt am Heumarkt auf. Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) verordnete im Juni eine "Nachdenkpause", die UNESCO droht mit der Aberkennung des Weltkulturerbes und alles dreht sich um einen sagenumwobenen Blick. Die wichtigsten Fragen: 

 Was ist am Heumarkt geplant?
Die Umgestaltung des Areals rund um Eislauf-Verein und Hotel Intercontinental. Neben dem Neubau des Intercontis sollen zusätzlich ein Gebäude mit Kultur- und Sportbüros und ein Wohngebäude entstehen. Wesentlicher Stein des Anstoßes: Die Höhe des Wohnturms – 73 Meter. Damit trübt der Turm den Canaletto-Blick.


 Was ist der Canaletto-Blick?
Der Blick ist eine Sichtachse vom Oberen Belvedere auf die Innenstadt. Er wurde vom venezianischen Maler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, berühmt gemacht und ist bis heute weitgehend unverändert. Er taucht regelmäßig in der Diskussion um Hochhausneubauten in der Innenstadt auf und ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

 Ist der Status "Weltkulturerbe" in Gefahr?
Der Internationale Rat für Denkmalpflege kritisiert die Auswirkungen des 73 Meter hohen Turms auf den Canaletto-Blick. Dieser würde "den Empfehlungen des UNESCO-Komitees für das Weltkulturerbe widersprechen". Man spricht sich klar für eine Reduzierung der Gebäudehöhe aus. Darüber hinaus sieht man die Authentizität und Integrität der existierenden Häuserlandschaft durch das Projekt gefährdet. Die Bauträgerfirma Wertinvest fühlt sich durch diese Argumentation erpresst.

 Was ist der aktuelle Stand der Dinge?
Kurz vor dem Start des Flächenwidmungsverfahrens verordnete Maria Vassilakou eine "Nachdenkpause" bis zum Herbst. Derzeit arbeite man gemeinsam mit den Projektentwicklern an der Adaptierung der Pläne. "Das Heumarkt-Areal ist in seiner bestehenden Form wenig attraktiv und bedarf einer Verbesserung", heißt es seitens des Vizebürgermeisterbüros. Man bekenne sich jedoch zum Hotel- und Konferenz-Standort im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung Wiens.

 Was sagt der Bezirksvorsteher?
Bezirkschef Erich Hohenberger (SP) ist mit einem Déjà-vu konfrontiert. Bereits beim Bau von Wien-Mitte wurde eine ähnliche Diskussion geführt. "Ich bin Nachdenkpausen gewöhnt. Wir werden uns in Ruhe mit dem Projektbetreiber zusammensetzen. Er wird, so wie bei Wien-Mitte, die Höhe reduzieren müssen und wir werden einen Flächenausgleich suchen", sagt Hohenberger. Bei all der Hektik setzt der Bezirksvorsteher auf Erfahrung.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Investitionslust steigt, Vertrauen in Politik eher gering

Das market-Institut hat zwischen 16. und 20. Juni 800 Online-Interviews in der österreichischen Bevölkerung von 16 bis 70 Jahren durchgeführt. Für 78 Prozent der Interviewten sind größere Reformen in Österreich nötig, bei den bis 29-Jährigen sind es sogar 86 Prozent. Kleinere Korrekturen sind für 17 Prozent ausreichend und 5 Prozent haben zur Notwendigkeit von Reformen keine Meinung.
Das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Bundesregierung und Landesregierungen, etwa im Wirtschaftsbereich, ist eher gering. Der aktuellen Bundesregierung wird nur von 38 Prozent der Befragten zugetraut, auf jeden Fall oder eher schon einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Herausforderungen Österreichs zu leisten. Den Bundesländern wird mit 36 Prozent noch etwas weniger Lösungskompetenz zugetraut, bei den Sozialpartnern liegt dieser Wert bei 48 Prozent. "Leider hat die Regierung viel Vertrauen verspielt. Das würde mich aufs höchste alarmieren", sagte der Linzer Ökonom und Schwarzarbeitsexperte Friedrich Schneider bei der Präsentation der Umfrage am Mittwoch in Wien.
Starke Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs haben laut Aussage der Befragen der bürokratische Aufwand der Bundesregierung und der Ministerien (51 Prozent), der bürokratische Aufwand der Landesregierungen (49 Prozent), der Einfluss der politischen Parteien (44 Prozent). Geringe Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit haben die Sozialpartnerschaft (14 Prozent), Schwarzarbeit (13 Prozent) und die Ausstattung mit Infrastruktur (10 Prozent). Jeder vierte Befragte berichtete Schwarzarbeit zu nutzen, überwiegend in der Höhe von bis zu 500 Euro. Für den Ökonomen Schneider ist die Schwarzarbeit in Österreich mit einem Volumen von 12 Mrd. Euro jährlich "eine stabile Konjunkturstütze", weil Einnahmen aus der Schwarzarbeit gleich wieder in den Konsum fließen würden. Ohne Pfusch würden auch zwei Drittel der Leistungen nicht nachgefragt werden. Die Österreicher zeigen bei Schwarzarbeit aber nur ein sehr geringes Unrechtsbewusstsein: "Wenn man Pfuscher erwischt, sollte man für diese hohe Geldstrafen verhängen" und "ich würde einen Pfuscher anzeigen" bejahten nur knapp 5 Prozent der Befragten.

(Salzburger Nachrichten)

Samstag, 2. Juli 2016

„Für uns gibt es nur Kurse, keine Jobs“

Für uns auch nicht. Nur Kurse, aber die sind so gut, dass die Teilnehmer alle einschlafen. Vor allem aber, sie helfen nicht!

02.07.2016 | 20:38 | Von Matthias Auer (Die Presse) Wer ist schuld daran, dass auch anerkannte Flüchtlinge in Österreich so gut wie keine Jobs finden? Das AMS? Die Firmen? Oder die Flüchtlinge selbst? Ein neues Projekt vermittelt nun Asylberechtigte. Belal F. wird langsam unruhig: „Ich will endlich arbeiten“, sagt der 22­jährige Syrer, der vor drei Jahren aus seiner Heimat geflohen ist. Seit Anfang 2015 ist er in Österreich offiziell asylberechtigt und darf damit auch offiziell arbeiten. „Ich habe viele Bewerbungen verschickt, aber nur Absagen erhalten“, erzählt Belal, der in Syrien Wirtschaft studiert hat. Die Bewerbungen habe er in Eigenregie versandt, betont er. Denn „beim AMS gibt es für uns nur Kurse, keine Jobs“. Diese Erfahrung teilt der junge Mann mit vielen, die nach Österreich gekommen sind, um sich eine Existenz in Frieden aufzubauen. Auch Megdat A. sucht bereits seit einiger Zeit nach einem Job. Mit neun hat er in seiner Heimat Afghanistan als Schuhmacher zu arbeiten begonnen. Mit 15 ist er allein vor dem Krieg geflohen. Mit 19 sitzt er nun fast zwei Jahre in Österreich herum. All seine Versuche, eine bezahlte Tätigkeit zu finden, sind gescheitert. „Ich fürchte, Österreich braucht vielleicht keine Schuhmacher“, sagt er. Dabei sind die Voraussetzungen der beiden gar nicht schlecht. Beide lesen und schreiben, beide sprechen Deutsch, beide haben bereits etwas gelernt, beide sind bereit, auch mit einem Job zu beginnen, der nicht ihrem Lebenstraum entspricht. Dennoch bleibt es schwierig. Manche Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit unter den Asylberechtigten sind bekannt: Zwei Drittel wohnen in Wien, Jobs gibt es im Westen. Die meisten sprechen nicht gut genug Deutsch, um im Beruf eine Chance zu haben. Und nicht alle Unternehmen sind willens, Syrer oder Afghanen aufzunehmen. Personalnot. 4000 anerkannte Flüchtlinge haben heuer in Österreich einen Job gefunden. Mehr als sechsmal so viele sind arbeitslos oder sitzen in Schulungen. Die meisten neuen Flüchtlinge scheinen aber noch nicht einmal in der Statistik des AMS auf. Sie warten erst darauf, dass ihr Asylverfahren irgendwann endet. Dass es Österreich schwerfällt, die neu angekommenen Flüchtlinge zu vermitteln, ist auch dem Wirtschaftsforschungsinstitut nicht entgangen. „Der Integrationserfolg von anerkannten Flüchtlingen, die erst seit einigen Jahren in Österreich sind, ist geringer als von anderen Zuwanderungsgruppen“, halten sie fest. Doch das muss nicht so sein, denn es gibt viele Unternehmer, die dringend Personal suchen – und gern Flüchtlinge beschäftigen würden. „Ich bin für jeden dankbar, der arbeiten will“, sagt Vera Kremslehner­Braunegg, Geschäftsführerin der Kremslehner­Hotelgruppe. Auch bei ihr schwingt eine gewisse Unzufriedenheit mit den offiziellen Jobvermittlern, respektive deren Bewerbern, mit: „Ich habe seit Jahren zig offene Stellen“, sagt sie. „Vom AMS kommen nur Bewerber, bei denen ich auf den ersten Blick sehe, dass es nichts wird.“ Das AMS weist diese Kritik zurück, der Großteil der offenen Stellen im Tourismus sei binnen weniger Wochen besetzt, heißt es. Dennoch können allein im Gastgewerbe aktuell 43.500 Jobs nicht vergeben werden. Bei den Jungen gehe es nur um Work­LifeBalance, klagt die Hotelmanagerin. Zwei von drei Lehrlingen würden das Handtuch werfen, wenn sie herausfinden, „dass es in der Küche heiß ist“. Jeder Flüchtling, der arbeiten wolle und könne, sei bei ihr herzlich willkommen. 10.000 Chancen. Hier setzt Bernhard Ehrlich an. „Es kann doch nicht sein, dass wir diese Chance auslassen“, sagt der frühere Geschäftsführer der Medianet­Agentur. Mit seiner Initiative „10.000 Chancen“ will Ehrlich das tun, was das AMS in seinen Augen nicht schafft: arbeitswillige Asylberechtigte und interessierte Firmen zusammenbringen. Ehrlich arbeitet dafür direkt mit den Flüchtlingsbetreuern zusammen. Während er Unternehmen wie Metro, Salesianer, ISS oder eben auch die Kremslehner­Hotelgruppe für sein Projekt begeistert, kümmern sich diese darum, geeignete Flüchtlinge auszuwählen und auf die Bewerbungsgespräche bei den Firmen vorzubereiten. Auch Belal und Megdat sitzen seit acht Uhr morgens im Wartezimmer und warten darauf, dass ihr 3.7.2016 DiePresse.com http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/5042160/print.do 2/3 „Recruitment Day“ beginnt. Rund 30 Asylberechtigte, vornehmlich junge Männer, sind an diesem Dienstag gekommen, um sich für Jobs bei einer Reinigungsfirma zu bewerben. Worum es genau geht, wissen sie nicht. „Mir wurde gesagt, hier gibt es Arbeit“, sagt Belal. „Das ist die Hauptsache.“ Er hofft auf einen Teilzeitjob im Handel, damit er sein Studium an der WU finanzieren kann. Der Afghane Megdat hat weniger konkrete Vorstellungen. „Schuhmacher werden sie nicht suchen“, sagt er. 20 Minuten später ist für die beiden der Spuk vorbei. Beide haben es in die nächste Runde geschafft, die Firma ISS wird nun Einzeltermine mit ihnen absolvieren. Sie sind ihrem Job zumindest ein Stück nähergekommen. Kann es wirklich so einfach sein? Und wenn ja, warum hat das AMS nicht mehr Erfolg? Johannes Kopf, Chef des AMS Österreich, lässt diese Kritik nicht gelten. Seine Aufgabe sei es, Menschen nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und nicht ein paar „quick wins“ zu generieren. „Ich freue mich über jeden, der eine Arbeit findet“, sagt er – warnt aber davor, alle Flüchtlinge in Hilfsarbeiterjobs zu drängen. Diese Stellen seien meist mit Österreichern (oft mit Migrationshintergrund) besetzt. Hier finde Verdrängung statt. Österreich aber habe einen Bedarf an qualifizierten Arbeitern. Techniker, Dreher, Fräser und Ärzte würden gebraucht. Da sei es die Aufgabe des AMS, Flüchtlinge, die über gute Vorkenntnisse verfügten, in die „richtige Richtung“ weiterzubilden. Gutes Deutsch sei hier nur die Basis. „Ohne Qualifikation bringe ich keinen Syrer oder Afghanen unter“, sagt Kopf (siehe Interview). Aber nicht nur die mangelnde Ausbildung ist ein Problem. Oft mangle es auch am Verständnis dafür, wie Arbeit hier organisiert ist. So sei aus dem Iran etwa die geistige Elite geflohen. 80 Prozent hätten Studium oder Matura. Die Frauen mussten dort jedoch nie arbeiten, entsprechend schwer sei es, nun zu erklären, warum sie es hier tun sollen. Arbeitswille. Daran scheitert es bei Belal und Megdat nicht. „Ich war auf meiner Flucht acht Monate in der Türkei und fing sofort zu arbeiten an“, erzählt Belal. Das Geld, das er dafür bekommen habe, habe jedoch nicht einmal in der Türkei zum Überleben gereicht. In Österreich erhalten Asylberechtigte auf Jobsuche zwar rund 830 Euro Mindestsicherung, dafür sei sonst alles komplizierter, sagt der Syrer. Seit eineinhalb Jahren will er aus seiner WG für Flüchtlinge in Wien Favoriten ausziehen. „Aber alle Vermieter wollen einen Lohnzettel sehen“, sagt er. „Und Arbeit zu finden ist hier wirklich schwer.“ Glaubt man dem Sozialministerium, liegt das auch daran, dass er – wie fast alle Flüchtlinge – in Wien wohnt, während Arbeitsplätze meist in Westösterreich geschaffen werden. „Die Menschen sind nicht, wo die Jobs sind“, heißt es auf Anfrage. Eine sogenannte Residenzpflicht könnte das Problem lösen, so der Sozialminister. Flüchtlinge müssten dann in den Bundesländern bleiben, denen sie zugewiesen werden. AMS­Chef Kopf kann sich dieses Modell nur unter zwei Bedingungen vorstellen: Die Residenzpflicht müsse sofort fallen, wenn jemand in einem anderen Bundesland einen Job finde, und die Regeln zur Mindestsicherung müssten von Vorarlberg bis Wien gleich sein. Sonst sei überregionale Vermittlung von Jobs sehr schwierig. Wie schwierig, das zeigt ein aktuelles Beispiel aus Kärnten. Das AMS hatte einer Gruppe an syrischen Jugendlichen Lehrstellen bei Infineon in Villach vermittelt. Da Kärnten Lehrlingen aber – anders als andere Bundesländer – nicht die Differenz auf die Mindestsicherung bezahlt, würden diese durch ihren Umzug von Wien nach Kärnten mehr als die Hälfte ihres monatlichen Einkommens verlieren. Dass die Vermittlung von Flüchtlingen selbst an motivierte Unternehmen schwer ist, musste auch Bernhard Ehrlich lernen. Viele Firmen erklärten sich in einer ersten Runde bereit, eigens „Recruiting Days“ mit den Asylberechtigten zu veranstalten. Konkrete Arbeitsverhältnisse sind daraus aber nur wenige entstanden. Meist scheitert es an zu hohen Erwartungen. Firmen, aber auch manche Flüchtlinge, würden zu viel fordern, sagt er. Darum hat Ehrlich bei der Auswahl der Bewerber noch einmal nachgeschärft: „Arbeitswille muss an erster Stelle stehen.“ Das deutsche Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung schätzt, dass es im Schnitt fünf Jahre dauern wird, bis jeder zweite Flüchtling in den Arbeitsmarkt integriert sein wird. Die Hälfte aller Asylberechtigten wird also auch 2020 noch ohne Job dasitzen. Auf Österreichs Arbeitsmarkt ist die aktuelle Flüchtlingswelle noch gar nicht angekommen, sagt Kopf. Die langen Asylverfahren würden einen Rückstau bei asyl­ und damit arbeitsberechtigten Flüchtlingen verursachen. Grund zur Freude sei das nicht, sind sich Kopf und Ehrlich einig. „Je kürzer Asylverfahren dauern, desto besser“, sagt Bernhard Ehrlich. „Denn je länger jemand in Österreich ist und nichts tut, desto schneller kennt er alle 3.7.2016 DiePresse.com http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/5042160/print.do 3/3 Tricks und verliert die Lust zu arbeiten.“ Auch Belal und Megdat sind schon lang in Österreich. Lust zu arbeiten haben sie immer noch: „Dafür bin ich nicht geflohen“, sagt der Syrer Belal. „Ich will endlich arbeiten, studieren – und leben wie ein Mensch.“ © DiePresse.com